Sektionen der SIGS
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Projekt Emys Aargau
Schildkrötenschutz in der Schweiz
Text von Goran Dusej
Ein Blick zurück
Das Vorkommen der Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis, LINNAEUS
1758) im Kanton Aargau beschäftigte schon früh namhafte Naturkenner, wie zum Beispiel
den Aargauer Naturforscher Dr. Fischer-Sigwart. In einem Artikel des Zofinger Tagblattes
schrieb er im Juli 1902 unter anderem: "Man glaubt vielfach, die Schildkröte komme
nur in wärmeren Ländern vor, und diejenigen Exemplare, welche man bei uns findet,
seien solche, welche den Menagerien und den Italienerbuben, die sie zur Schau herumtragen,
entlaufen seien. Nichts ist unrichtiger". Seine Meinung untermauerte er bereits
1893 in einer sehr ausführlichen und fundierten Publikation, in welcher er auf Fundorte
in der Schweiz verwies, an denen vermehrt Tiere gefunden wurden. So waren es allein
bei Zofingen an die 25 Exemplare. An einem weiteren Standort, dem Inkwilersee, waren
die Sumpfschildkröten derart häufig, dass das "Fischen mit "Wartlaufen" verunmöglicht
sei. Auch sähe man im Sommer oft etwa thalergrosse Junge, …". Fischer-Sigwart (1893)
fügte jedoch auch an: "Herr Bernhard hat damals fünf gewöhnliche, käufliche, also
kleinere Tiere eingesetzt" und kommt am Ende zum Schluss: "Trotz allem dem, … kann
die Frage, ob Schildkröten in der schweizerischen Hochebene endemisch, dass heisst
wirklich wild vorkommen, ob sie überall künstlich eingesetzt worden und sich später
vermehrt haben, oder ob alle Funde zufällig seien und von entlaufenen herrühren,
noch nicht endgültig entschieden werden". Dieser Satz könnte genauso gut in einer
heutigen Publikation stehen. Seit dem Artikel sind mehr als hundert Jahre vergangen,
die Fragen blieben ungelöst.
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In der Naturhistorischen Abteilung des Museums Zofingen befinden sich
einige Präparate von Europäischen Sumpfschildkröten. Sie wurden um die Jahrhundertwende
angefertigt.
Foto: Hans Peter Schaffner |
Die verschiedenen Aspekte des Vorkommens wurden in letzter Zeit zum Teil sehr kontrovers
und oft auch ohne fundierte Sachkenntnis diskutiert. Auch eine in den Jahren 1987-1990
durchgeführte Bestandesaufnahme der aargauischen Reptilien brachte keine Klärung
(DUŠEJ & BILLING, 1990). Aufgrund vieler Einzelbeobachtungen, die eher zufällig
schienen, wurde die Art als "vermutlich ausgestorben", versehen mit einem Fragezeichen,
betitelt. Seit dem Inventar war jedoch bekannt, dass an mindestens einem Fundort
die Beobachtungen regelmässig waren und sich dort mehr als nur Einzeltiere aufhielten.
Ob und in welchem Ausmass sich die besagte Population vermehren konnte, blieb im
Dunkeln. Im Allgemeinen ging man davon aus, dass es in der Nordschweiz keine oder
nur in sehr geringem Masse überlebensfähige Bestände gab. Für das Verschwinden der
Art wurden hauptsächlich die Klimaveränderung sowie das Verschwinden von geeigneten
Biotopen in Erwägung gezogen (siehe auch WÜTHRICH 2002). Den Wendepunkt in der "Affäre"
brachten neuere Recherchen. Hans Peter Schaffner, der sich seit Jahren mit dem Thema
beschäftigt (SCHAFFNER 1999, KOLLER 2001) konnte durch seine Brutexperimente im
Freiland zeigen, dass unter bestimmten Gegebenheiten eine erfolgreiche Reproduktion
stattfinden kann (SCHAFFNER 2002). Weitere Beobachtungen im Freiland, vor allem
durch Mosimann (WÜTHRICH 2002), aber auch durch Naturkenner in der Nordschweiz (Thurgau,
Aargau etc.) liessen die Vermutung aufkommen, es gäbe in der Schweiz doch noch Restpopulationen,
die sich vermehren könnten. Fast gleichzeitig, im Sommer 2001, wurde von einem Schuljungen
aus einem See im Kanton Aargau etwa ein halbes Dutzend Sumpfschildkröten gefangen
und zu Ruth Huber, der Präsidentin der IG Schildkrötenfreunde Aargau gebracht. Eine
Begutachtung von Hans Peter Schaffner brachte es an den Tag, die Tiere könnten durchaus
aus einem (Rest-) Wildbestand stammen. Dies war die Geburtsstunde der "Arbeitsgruppe
Emys Aargau", die sich zum Ziel gesetzt hat, die Situation zu klären und mit möglichst
fundierten Kenntnissen unseren Lieblingen "auf die Beine zu helfen". Doch welche
Bestände sollen gefördert werden? Gibt es noch ursprüngliche Populationen, wo leben
diese, welche Tiere wären für ein gezieltes Zuchtprogramm geeignet?
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Unter den interessierten Blicken von Herrn U. Lienhard, Kurator am Museum
Zofingen, entnimmt Hans Peter Schaffner einem der Präparate Proben für die genetische
Untersuchung. Ob das Material für eine Analyse verwendet werden kann, wird sich
noch weisen. In der Regel wird der Träger der Information, die Desoxyribonukleinsäure
(DNS) bei der Konservierung respektive langer Lagerung zerstört.
Foto: Markus Kutzli
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Momentane Situation
Im Kanton Aargau geniesst der Reptilien- und Naturschutz eine lange Tradition. Gut
eingespielte Teams arbeiten unermüdlich an der Verbesserung von Lebensräumen. Einer
der Schwerpunkte ist die Förderung von Auen- und Moorgebieten. Besonders im Reusstal
haben die Sektion Natur- und Landschaftsschutz des Kantons Aargau, Pro Natura Aargau
sowie die Stiftung Reusstal viel erreicht. Zahlreiche Lebensräume wurden aufgewertet,
vernetzt oder neu erschaffen. Die Qualität, Anzahl und Grösse einiger Schutzobjekte
eignen sich hervorragend für den Schutz und die Förderung seltener und stark bedrohter
Tiere, so auch der Europäischen Sumpfschildkröte.
Bevor jedoch konkrete Projekte realisiert werden können, müssen die Rahmenbedingungen
möglichst genau festgelegt werden. Dazu gehören vordringlich folgende Abklärungen:
(1) welche Gebiete kommen für Förderungsprogramme in Frage? (2) genügen die klimatischen
und biotischen Bedingungen? (3) gibt es noch einheimische Bestände?
In einem ersten Schritt wurden Schutzgebiete bezeichnet, in denen man davon ausgehen
konnte, dass die Umweltbedingungen einem Förderungsprogramm genügen dürften (Abb.3).
In Absprache mit den kantonalen Behörden wurden in verschiedenen Gebieten Temperaturmessgeräte
(Data-Logger) vergraben. Aus den Daten können Rückschlüsse gezogen werden, ob Bodentemperaturen
Naturbruten überhaupt ermöglichen. In einem weiteren Schritt wurden einigen Schildkröten
genetische Proben (Krallenspitze) entnommen, um ihre Zugehörigkeit zu den aktuell
anerkannten Unterarten zu testen. Hier geht es vor allem darum "fremde" Genotypen
auszuschliessen und festzustellen, ob überhaupt und welche Tiere für ein Förderungsprogramm
geeignet wären. Inzwischen konnten mehr als 20 Exemplare aus dem AG "akquiriert"
werden, darunter auch Museumstiere aus der Ära Fischer-Sigwart (Abb. 1). Die genetische
Untersuchung ist aufwändig und nicht ganz billig.
Besonders erfreulich in diesem Zusammenhang ist es, dass die Arbeitsgruppe auf die
kompetente Unterstützung von Dr. Urs Utiger vom Zoologischen Museum Zürich zählen
kann und dass verschiedene Institutionen bereits eine finanzielle Unterstützung
zugesichert haben. Noch ist nicht die gesamte Finanzierung gesichert, weshalb die
SIGS ebenfalls um eine Unterstützung angefragt wurde. Inzwischen konnte sich Christopher
Hohl als Vertreter des Vorstandes der SIGS von Ruth Huber vor Ort über das Projekt
informieren lassen.
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Anmerkung des Webmasters:
Im Rahmen der vergangenen Delegiertenversammlung vom März 2003 hat die SIGS einen
finanziellen Beitrag von CHF 3'000.- gesprochen.
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Ein Blick in die Zukunft
Die "Arbeitsgruppe Emys Aargau" hofft, mit möglichst geringem Aufwand Licht in die
verworrene Situation der Aargauischen Sumpfschildkröten zu bringen. Das Ziel der
Untersuchung ist es festzustellen, ob die im Aargau vorkommenden Tiere einer einheimischen
oder einer fremden Unterart angehören. Dies lässt sich anhand des Erbgutes feststellen.
Gegenwärtig geht man davon aus, dass die Nominatrasse (E. o. orbicularis) als einheimisches
Taxon in der Nordschweiz anzusehen ist. Diese Unterart lässt sich jedoch in weitere,
sogenannte Haplotypen aufteilen, die sich anhand ihres Erbgutes unterscheiden. Ein
Idealfall wäre, wenn sich mittels genetischer Analyse einheimische Tiere identifizieren
liessen und man somit von einer "Grundpopulation" ausgehen könnte, mit der man weiter
Bestände aufbauen, beziehungsweise stützen könnte. Weniger erfreulich wäre es, wenn
die untersuchten Bestände aus verschiedenen Herkunftsländern stammten und somit
der Charakter einer allfälligen autochthonen (einheimischen) Population "verwässert"
wäre. Noch schlimmer wäre es, wenn gar keine ursprüngliche Tiere gefunden würden.
Je nach Ausgang der Untersuchung, wird man mit konkreten Förderungsprogrammen beginnen
können oder aber eine neuerliche Standortbestimmung durchführen müssen. Es lohnt
sich, die künftigen Schritte sorgfältig zu planen und nichts zu überstürzen. Noch
haben wir die Chance, eine möglicherweise verschollene Art wiederzuentdecken!
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Lebensraum im Kanton Aargau. Solche und ähnliche Naturschutzobjekte
wurden in den vergangenen Jahren durch gezielte Pflege und Gestaltung stark aufgewertet.
Hier findet man vereinzelt wildlebende Emys orbicularis. Noch ist es ungewiss, ob
es sich um einheimische oder ausgesetzte Tiere handelt.
Foto: Goran Dušej (Biotop), Hans Peter Schaffner (Emys) |
Literatur
DUŠEJ, G. & H. BILLING (1991): Die Reptilien des Kanton Aargau - Verbreitung
Ökologie und Schutz. - Mitt. Natf. Ges. Aargau Bd. 33. Sauerländer, Aarau.
FISCHER-SIGWART, H. (1893): Die Europäische Sumpfschildkröte (Emys lutaria Marsili).
Ihr Vorkommen in der schwei-zerischen Hochebene und ihr Leben im Aquarium und im
Terrarium. - Sonder-abdruck aus der Zeitschrift "Der Zoolo-gische Garten". Frankfurt
a. M.
FISCHER-SIGWART, H. (1902): Artikel im Zo-finger Tagblatt (Nr. 152): 1.
KOLLER, H. (2001): Emys-Projekt. - SIGS Info 10(2): 31-32.
SCHAFFNER, H. P. (1999): Gedanken zur Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)
in der Schweiz. - SIGS-Info 9(1): 30-32.
WÜTRICH, F. (2002): Die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis, Linnaeus
1758) in der Schweiz. - Testudo (SIGS), 11(3): 5-7.
Kontakt
GORAN DUŠEJ
Käsereistrasse 18
CH-8919 Rottenschwil
Tel/Fax: 056 634 33 03
E-Mail:
goran.dusej@bluewin.ch
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im TESTUDO (SIGS), 11(4), Dezember 2002.
Der Dankesbrief der Arbeitsgruppe Emys Aargau:
An die
Schildkröten-Interessengemeinschaft Schweiz
z. Hd. Herrn Urs Jost
Dörfli 7
6212 St. Erhard
Auf der Suche nach einheimischen Sumpfschildkröten
Verdankung der Spende
Sehr geehrte Damen und Herren
Wie Sie wohl bereits erfahren konnten, ist es der Arbeitsgruppe Emys Aargau gelungen,
eine grössere Anzahl von Aargauer Sumpfschildkröten aufzuspüren und genetisch zu
untersuchen. Diese genetischen Untersuchungen konnten, auch dank Ihrer finanziellen
Unterstützung, im vorgesehenen Umfang realisiert werden.
Die Arbeiten sind nun abgeschlossen und die Resultate ausgewertet.
Um einer Veröffentlichung von Dr. Urs Utiger, der die genetischen Untersuchungen
durchgeführt hat, nicht vorzugreifen sei hier nur folgendes erwähnt:
Anhand der international anerkannten Klassifizierung ist bei uns der Haplotyp
IIa der Unterart Emys o. orbicularis zu erwarten..Deren Anzahl unter den getesteten
Tieren ist erfreulich gross.
Wir möchten uns an dieser Stelle nochmals herzlich für Ihren Beitrag von Fr. 3000.-
bedanken.
Die Arbeitsgruppe Emys Aargau
Hans Peter Schaffner
Ruth Huber
Goran Dusej
Urs Utiger
Markus Kutzli
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